Eigentlich wollte ich nur einen Längsanschlag bauen.
Kein neues Maschinenkonzept.
Keine Versuchsreihe.
Nur ein kleines Stück Metall, das sich am Maschinenbett festklemmen lässt und dem Schlitten sagt:
Bis hierhin und nicht weiter.
Dann stellte sich heraus, dass die Form ohne Fräsmaschine etwas unpraktisch war.
Also brauchte ich zuerst ein Werkzeug.
Für dieses Werkzeug eine Aufnahme.
Für die Aufnahme eine passende Aufspannung.
Und für die Aufspannung jene Nutensteine, die ich eigentlich schon vorher hätte gebrauchen können.
Am Ende stand ich einen ganzen Tag an der Drehmaschine, ohne sie ein einziges Mal einzuschalten.
Ich habe nur gekurbelt.
Zehntel für Zehntel.
Aus der Drehmaschine wurde eine Langsamhobelmaschine.
Eigentlich wollte ich nur einen Anschlag bauen.
Der bekannte Ablauf
Viele Werkstattprojekte beginnen ähnlich:
- Ein kleines Teil fehlt.
- Das Teil ist nirgends passend erhältlich.
- Selbermachen scheint einfacher.
- Für die Fertigung fehlt ein Werkzeug.
- Also wird zunächst das Werkzeug gebaut.
- Dabei zeigt sich ein weiteres Problem.
- Das ursprüngliche Teil wartet weiterhin auf der Werkbank.
Irgendwann besteht das Projekt aus mehr Hilfsmitteln als aus dem Bauteil, um das es ursprünglich ging.
Das kann frustrierend sein.
Es ist aber häufig auch der interessanteste Teil.
Der Umweg ist nicht immer verlorene Zeit
Der direkte Weg wäre meist einfach:
- passende Maschine benutzen
- Werkstück einspannen
- Bearbeitung durchführen
- fertig
Nur ist die passende Maschine nicht immer vorhanden.
Dann beginnt das Nachdenken.
Wie lässt sich dieselbe Geometrie anders erzeugen?
Kann die Drehmaschine die Bewegung übernehmen?
Reicht der Bohrständer?
Lässt sich die Form feilen?
Brauche ich einen Anschlag, eine Schablone oder eine vorläufige Aufnahme?
Der Umweg dauert länger.
Dafür entsteht nicht nur das gewünschte Teil.
Es entsteht auch Wissen darüber, was mit den vorhandenen Mitteln möglich ist.
Manchmal wird das Nebenprojekt wichtiger
Bei manchen Arbeiten ist das ursprüngliche Bauteil am Ende fast unspektakulär.
Ein Längsanschlag ist kein mechanisches Wunderwerk.
Ein Nutenstein ebenfalls nicht.
Interessanter wird die Frage, wie diese Teile ohne den üblichen Maschinenpark entstanden sind.
Dann erzählt nicht das fertige Teil die eigentliche Geschichte.
Sondern:
- die improvisierte Aufspannung
- das geänderte Werkzeug
- der abgebrochene Gewindebohrer
- der zweite Versuch
- und die Erkenntnis, die natürlich erst kurz vor Fertigstellung kam
Das Ergebnis bleibt wichtig.
Aber der Weg erklärt, warum es so aussieht, wie es aussieht.
„Schnell“ ist ein gefährliches Wort
Besonders verdächtig sind Sätze wie:
Ich mache das nur schnell.
„Schnell“ bedeutet in der Werkstatt häufig:
- Das Werkzeug liegt noch nicht bereit.
- Die Maße sind nur grob genommen.
- Eine vernünftige Aufspannung wäre zu viel Aufwand.
- Und irgendein Bauteil wird gleich eine Aufgabe übernehmen, für die es nie vorgesehen war.
Manchmal funktioniert das hervorragend.
Manchmal entsteht daraus der lange Weg.
Der Unterschied zeigt sich meistens erst nach Beginn der Arbeit.
Trotzdem anfangen
Man könnte jedes Projekt vollständig durchplanen.
Alle Werkzeuge bereitstellen.
Jede Aufspannung zeichnen.
Alle möglichen Fehler vorhersehen.
Dann würde manches tatsächlich schneller und sauberer funktionieren.
Manches würde aber vermutlich nie begonnen.
Ein grober Plan und ein Stück Material auf der Werkbank bringen ein Projekt oft weiter als die perfekte Konstruktion, die nur im Kopf existiert.
Das bedeutet nicht, ohne Nachdenken loszuarbeiten.
Es bedeutet nur, zu akzeptieren, dass nicht jede Frage vor dem ersten Schnitt beantwortet sein muss.
Der Punkt, an dem man aufhören sollte
Nicht jeder Umweg ist sinnvoll.
Es gibt einen Moment, an dem aus einer brauchbaren Hilfslösung ein eigenes Lebenswerk werden kann.
Dann bekommt der einfache Anschlag plötzlich:
- eine Feineinstellung
- eine Skala
- eine Rastung
- einen Schnellspannhebel
- eine gefederte Rückstellung
- und wahrscheinlich noch eine Beleuchtung
Alles davon könnte nützlich sein.
Nur wollte ich ursprünglich vielleicht noch immer lediglich einen Absatz auf dieselbe Länge drehen.
Deshalb versuche ich inzwischen, gelegentlich nachzufragen:
Was wollte ich eigentlich bauen?
Die Antwort verhindert nicht jedes Ausufern.
Aber manchmal erinnert sie daran, dass eine M8-Schraube ebenfalls ein brauchbarer Spannhebel sein kann.
Genau deshalb Werkstatt
Das Ausufern kleiner Aufgaben gehört für mich zur Werkstatt.
Nicht als Pflicht.
Auch nicht als Beweis dafür, dass man alles unnötig kompliziert machen muss.
Sondern weil ein kleines Problem oft mehrere interessante Fragen freilegt.
Das fertige Teil ist dann nur ein Teil des Ergebnisses.
Daneben bleiben:
- ein neues Hilfsmittel
- eine bessere Aufspannung
- eine verworfene Idee
- ein Fehler, den ich nicht wiederholen muss
- und manchmal eine Maschine, die nun etwas kann, was vorher nicht vorgesehen war
Eigentlich wollte ich nur einen Längsanschlag bauen.
Bekommen habe ich zusätzlich eine Langsamhobel-Drehmaschine.
Auch gut.

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